Wie die richtige digitale Strategie dem Mittelständler FC St. Pauli hilft, sich auf Wesentliches zu konzentrieren


Von Steffen Haubner (Gastautor)

Wenn Projektleiter Hannes Brandt seinen Arbeitgeber beschreibt, dann spricht er von einem „Mittelständischen Unternehmen mit einem sehr speziellen Fokus“. Oberflächlich betrachtet mag das zutreffen. Zuletzt wurde von den rund 160 Mitarbeitern ein Umsatz von knapp über 30 Millionen erzielt. Den wahren Dimensionen werden diese Zahlen allerdings kaum gerecht. Denn zu den Festangestellten gesellt sich ein ganzes Heer von freien Mitarbeitern, Ehrenamtlichen und 24.000 Vereinsmitgliedern. Neben dem Profifußball, dem „sehr speziellen Fokus“, müssen sich die Verantwortlichen um diverse andere Abteilungen vom Boxen bis zum Radsport kümmern. Genau betrachtet, räumt Brandt rein, gehe es beim FC St. Pauli „dann doch nicht ganz so klein und übersichtlich“ zu.

Ein solches Unternehmen, das weiß jeder Gewerbetreibende, ist heute nicht mehr ohne eine stabile IT-Infrastruktur steuerbar. Tausende von E-Mails gehen täglich hin und her, Verträge müssen aufgesetzt und archiviert, der Ticketverkauf abgewickelt, Geldströme koordiniert und bilanziert werden. Das gerade für 62 Millionen Euro ausgebaute Stadion muss bei jedem Heimspiel mit Fans, Gästen und Dauerkartenbesitzern gefüllt werden. „Aus kaufmännischer Sicht“, so Brandt, „sind wir ein Großveranstalter.“ Seit diesem Jahr liegt auch die Vermarktung von Fanartikeln wieder ganz in den Händen des Vereins.

Auf all diese Herausforderungen hat Brandt, vom Präsidium mit der Ausarbeitung einer digitalen Strategie betraut, eine überraschende Antwort: Beim FC St. Pauli will man künftig ganz ohne IT-Abteilung auskommen. 15 Jahre lang hatte sich niemand um die Digitalisierung des Vereins gekümmert. Im hektischen Sportgeschäft gab es immer etwas, das wichtiger schien als Bits und Bytes. „Das hat uns einen im Grunde unfairen Vorteil gegenüber anderen verschafft“, schmunzelt Brandt. „Wir hatten nämlich schon vorher keine IT, die wir jetzt umständlich abbauen müssten.“

Doch die Digitalisierung des Fußballs ist auch am Millerntor nicht spurlos vorübergegangen. Zwar können, wie Franz Beckenbauer einst feststellte, Computer noch immer keine Tore schießen. Im Profibereich kommt man aber heute nicht mehr um Videoanalysen vergangener Spiele, das Erfassen von Leistungsdaten und die computergestützte Auswertung des Transfermarkts herum. Nicht nur im betriebswirtschaftlichen, sondern auch im sportlichen Bereich werden immer größere Datenmengen erzeugt, analysiert, Ergebnisse interpretiert und langfristig gespeichert.

Das alles kostet viel Geld und erfordert Investitionen, die mit einem großen Risiko behaftet sind. Denn die finanziellen Möglichkeiten sind extrem vom sportlichen Erfolg abhängig. So sind die TV-Gelder, die bis zu 50 Prozent der Einnahmen ausmachen können, von Saison zu Saison sehr relevant. Und was wäre, wenn man plötzlich in die dritte Liga absteigt? So betrachtet kann es sich ein Verein eigentlich gar nicht leisten, ständig auf dem neuesten Stand der Technik zu sein und langfristige Lizenzverträge für die Nutzung der Software abzuschließen. Auch bei einem Aufstieg müsste man erst einmal tief in die Tasche greifen – nicht nur für den Ausbau des Kaders, sondern auch für die digitale Infrastruktur.

„Wir hätten uns natürlich ein kleines Rechenzentrum bauen können. Aber das wäre an einem Hotspot wie dem Millerntor allein schon wegen des Platzbedarfs viel zu teuer“, erklärt Brandt. Bei der jetzt anvisierten Lösung komme dagegen im Grunde nur ein einziges Kabel im Stadion an. Das ist mit den Rechenzentren der Firma Microsoft verbunden, auf deren Servern künftig alle Daten verwaltet werden. Auch die benötigte Software steht dort rund um die Uhr bereit. Vor Ort bei St. Pauli braucht man lediglich Monitor, Maus und Tastatur, abgerechnet wird pro Monat und Nutzer. Die IT-Beratung und Betreuung übernehmen einer oder mehrere der deutschlandweit 31.500 Microsoft-Partner, die die Endkunden vor Ort betreuen. Projektleiter Brandt schätzt besonders, dass er nicht von einer einzigen Firma abhängig ist, sondern sich aussuchen kann, mit wem er zusammenarbeitet. „Wenn Kompetenzen benötigt werden, suchen wir uns eben einfach einen Partner passend dazu aus.“

Dass die Partnerschaften Hand in Hand funktionieren, lässt sich an der gerade neu gestalteten Homepage des Fußballclubs nachprüfen. Selbst wenn Hunderttausende Interessierte gleichzeitig lesen, suchen, stöbern, bestellen wollen, zwingt das die Seiten nicht in die Knie..

„IT besteht in letzter Konsequenz aus Datenströmen, die im Idealfall überall und jederzeit verfügbar sind“, sagt Peter Jaeger, Mitglied der Geschäftsleitung von Microsoft Deutschland. „Es ist wie mit elektrischem Strom: Wenn ich ihn brauche, ist er da, und ich bezahle nur das, was ich auch verbrauche.“ Bis 2020 seien weltweit 200 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden. Das Gros der Endgeräte ist mittlerweile mobil, auch beim FC St. Pauli. Die Mitarbeiter treffen sich in unterschiedlichen Räumen der Geschäftsstelle, reisen zu Transferverhandlungen oder Auswärtsspielen durchs Land und brauchen überall direkten Zugriff auf ihre Daten und Mails. Statt an einem stationären Rechner zu sitzen, benutzten sie dazu das Gerät ihrer Wahl. Dass Microsoft die Infrastruktur betreibt, heißt keineswegs, dass man nicht auch mit einem MacBook arbeiten kann.

Aber geht die Flexibilität nicht am Ende auf Kosten der Sicherheit? Finanzpläne, Transferwünsche, die Mannschafstaufstellung fürs nächste Heimspiel – all das sind für einen Sportverein hochsensible Daten. „Es ist ein großes Missverständnis, dass man immer meint, lokal gespeicherte Daten seien besser geschützt“, erklärt der Microsoft-Manager. In Wirklichkeit mache genau das Unternehmen angreifbar. „Mit unserer Infrastruktur können wir Sicherheitsstandards erfüllen, die für ein mittelständisches Unternehmen gar nicht finanzierbar wären.“

Das sieht man offenbar auch in anderen Teilen der Fußballwelt so. Während St. Pauli mit seiner Strategie in Deutschland noch ziemlich allein dasteht, haben die Kiezkicker auf den Microsoft-Servern einen prominenten Nachbarn. Mit einem im Vergleich zu St. Pauli fast zwanzigfachen Jahresumsatz geht Real Madrid den gleichen Weg wie die Hamburger und schafft seine IT-Abteilung kurzerhand ab. In Spanien geht man noch einen Schritt weiter. Dort soll nach und nach die Vision des „Connected Stadium“ realisiert werden, eines voll digitalisierten Stadions mit WLAN und eigener Info-App, über die die Zuschauer in Echtzeit Analysen zum Geschehen auf dem Rasen erhalten. „In dieser Hinsicht sind wir wesentlich zurückhaltender als andere Vereine“, sagt Brandt. „Zuschauer, die während des Spiels permanent aufs Handy starren – das geht mit den Vorstellungen, die wir am Millerntor vom Fußball-Erlebnis haben, einfach nicht zusammen.“

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von
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